Kaninchen, Kopfschiefhaltung

von Priv.Doz. Dr. med. vet. Birgit Drescher

Kaninchen mit Kopfschiefhaltung werden immer wieder in der tierärztlichen Sprechstunde vorgestellt. Nach neueren Untersuchungen ist neben Infektionen mit Bakterien (Pasteurellen) und Ohrmilben vor allem eine Infektion mit einzelligen Krankheitserregern für das Krankheitsgeschehen verantwortlich.

 

Wie infiziert sich das Kaninchen?

Der weltweit verbreitete Einzeller mit dem exotischen Namen Encephalitozoon cuniculi wurde 1922 zum ersten Mal beschrieben. Er lebt als Parasit in den Zellen seines Wirtes und bildet einkernige, ellipsenförmige Sporen. Werden diese von Kaninchen mit der Nahrung aufgenommen, stülpen sich im Darm Polfäden aus den Sporen aus und bohren sich in die Zellen der Darmwand. Durch den hohlen Polfaden kriecht das einkernige Zellinnere aus und gelangt so ins Innere von Darmzellen, in denen sich diese Einzeller vermehren. Nach dieser Vermehrungsphase wird der Parasit über die Blutgefäße in nahezu alle Körperorgane verteilt, wobei die Nieren und das Gehirns besonders betroffen sind. Reife, infektionsfähige Sporen werden mit Urin und Kot ausgeschieden.
Die Übertragung von Tier zu Tier erfolgt durch die Aufnahme von Sporen im Futter oder beim Schnüffeln über die Nase. Bei trächtigen Kaninchen ist darüber hinaus eine Übertragung des Parasiten über die Plazenta (Mutterkuchen) auf das Jungtier möglich. Neben Kaninchen können auch Mäuse, Ratten, Meerschweinchen, Hamster, Ziegen, Schafe, Schweine, Pferde, Hunde, Füchse, Katzen und viele Primaten unter Einschluss des Menschen befallen werden. Die Infektion mit Enzephalitozoon cuniculi, genannt "Enzephalitozoonose", ist somit eine Zoonose, d. h. eine vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheit. Allerdings findet eine Übertragung nur bei einer stark eingeschränkten Funktion des Immunsystems statt, so beispielsweise bei Menschen mit HIV-Infektion.

Krankheitsbild

Beim Kaninchen lassen sich drei Erkrankungsstadien unterscheiden:

Die akute Enzephalitozoonose ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Krankheitsbilder, die lange Zeit nicht als zur gleichen Krankheit gehörig erkannt wurden:

 

Auffallend ist, dass innerhalb von Haltungen mit mehreren Kaninchen unter gleichen Haltungsbedingungen häufig nur ein einzelnes Tier erkrankt. Dies führt zu der Annahme, dass außer der Zahl der Infektionserreger auch eine Schwäche des körpereigenen Abwehrsystems des Tieres  wie beispielsweise eine unzureichende Darmbarriere  zur akuten Erkrankung beiträgt. Unterstrichen wird dies durch die Feststellung, dass sich in Blutproben vieler untersuchter Kaninchenpopulationen in unterschiedlichem Grade Antikörper (= vom Immunsystem gebildete Schutzstoffe gegen den Erreger) nachweisen ließen, ohne dass die Tiere Symptome aufwiesen. Bei ihnen lag somit das Stadium 1 der Erkrankung vor. Offensichtlich sind für die Auslösung einer akuten Enzephalitozoonose bestimmte Faktoren wie andere Erkrankungen oder stressbedingte Einflüsse verantwortlich.

Vom Verdacht zur Diagnose:

Der erste Verdacht auf eine Infektion mit Encephalitozoon cuniculi ergibt sich aufgrund der oben beschriebenen Symptome. Er kann durch die Untersuchung einer Blutprobe erhärtet bzw. abgeschwächt werden. Hinweise auf eine akute Enzephalitozoonose sind unter anderem erhöhte Nierenwerte. Gewissheit bietet der direkte Erregernachweis. Durch eine Spezialmethode werden die Sporen des Erregers im Blut deutlich gemacht, sodass man sie mikroskopisch erkennen kann.

Wichtig: Frühzeitige Behandlung!

Die Therapie der akuten E.cuniculiInfektion besteht aus der Gabe von

Je früher die Erkrankung erkannt wird und je früher die Therapie einsetzt, umso größer ist der Erfolg. In vielen Fällen führt eine Behandlung in den ersten 24 Stunden zu einer deutlichen Besserung, zumindest jedoch zu einem Stillstand des Fortschreitens der Symptome von Seiten des Nervensystems. Gelegentlich wird in den ersten zwei bis drei Tagen eine Verschlechterung des Krankheitsbildes beobachtet. So kann beispielsweise bei bestehender Lähmung der Hintergliedmaßen zusätzlich eine Lähmung der Vorderbeine auftreten. Eine Therapie sollte jedoch dann fortgesetzt werden, wenn die Tiere selbständig fressen und Kot und Harnabsatz funktionieren. Meist kann am dritten bis fünften Therapietag eine deutliche Erholung festgestellt werden, sodass die meisten Patienten nach einer Woche vollständig wiederhergestellt sind. Bei manchen Kaninchen bleiben Bewegungsstörungen der Gliedmaßen als Restschäden der akuten Infektion zurück, wobei die Tiere ansonsten wieder munter sind, guten Appetit und ein normales Verhalten zeigen (= Stadium 3).
Kommt es trotz Behandlung zu einer drastischen Verschlechterung, insbesondere einer Zunahme der auf eine Gehirnentzündung hinweisenden Symptome, besteht kaum Aussicht auf einen Behandlungserfolg. Aus Tierschutzgründen ist in solchen Fällen die schmerzlose Tötung des Kaninchens in Betracht zu ziehen.
Eine vorbeugende Maßnahme, wie etwa eine Impfung, gibt es bislang leider nicht. Andere Erkrankungen, die für den Ausbruch einer akuten Enzaphalitozoonose von Bedeutung sind, müssen zusätzlich abgeklärt und die Haltungsbedingungen überprüft werden.